Friedhöfe und Friedhofskultur in Teupitz

Der Autor, Dr. phil. Lothar Tyb’l, Jahrgang 1937, wohnhaft in Berlin, hat auf der Grundlage seiner Erkundungen zur Teupitzgeschichte über 170 Artikel, eine Broschürenreihe mit 20 Titeln und mit dem „Verein für Bildung, Kultur, Tourismus und Gewerbe e. V. im Schenkenländchen (BiKuT)“ die Bücher „Teupitz am See. Historischer Stadtführer“ und „Teupitzer Miniaturen“ sowie das Leseheft „Liebeserklärungen an Teupitz in Prosa und Lyrik“ veröffentlicht.

Im vorliegenden Text sind Daten und Zusammenhänge zu den Friedhöfen und zur Friedhofskultur in Teupitz zusammengefasst, die im „Heimatkalender 2010. Königs Wusterhausen und Dahmeland“ veröffentlicht werden. Für Auskünfte zu diesem Aufsatz dankt der Autor insbesondere der Stadtverordneten Frau Barbara Löwe, der Mitarbeiterin des Amtes Schenkenländchen Frau Schulze, den Friedhofspflegern  Gerhard Lucka, Friedhelm Schultze und Bruno Weigand. Die Fotos sind, sofern nicht anders ausgewiesen, vom Autor am 27. März 2010 aufgenommen worden.

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I.

Die Bestattung ist etwas spezifisch Menschliches; kein Lebewesen außer dem Menschen bestattet seine Toten. In ihr äußern sich wesentliche Seiten des Charakters einer Gesellschaft. Es muss ihr Anliegen bleiben,  allen Bürgern ein kulturvolles Ritual zur Übergabe des Leichnams oder seiner Asche in die Erde zu ermöglichen.

Die Bestattungs- und Friedhofskultur ist untrennbarer Bestandteil der Lebensart der Kommune, keine Form der Verklärung ihrer Geschichte oder Abwendung von ihren aktuellen Problemen und Aufgaben. Die Friedhöfe sind Orte der Besinnung auf das Erbe und die Verpflichtung gegenüber den verstorbenen Generationen, die Gegenwart und Zukunft besser, menschlicher  zu gestalten. Sie sind gemeinschaftliche Orte der Erinnerung der Familien und Bürger und dokumentieren in spezifischer Weise die Geschichte der Orte.

In einer Zeit wachsender Mobilität der Gesellschaft erhalten sie zunehmende Bedeutung, weil sie den familiären und heimatlichen Zusammenhalt ausdrücken und betonen. In den Orten kennt man sich über Jahrzehnte, hier hat man enge Verwandte, Nachbarn, Freunde und fühlt sich mit ihnen über den Tod hinaus verbunden.

Die Namen der Toten erinnern an erlittenes Leid oder glückliche Stunden, an Persönlichkeiten und Ereignisse, die für die Familie oder Kommune bedeutsam waren. Sie machen die Besucher der Friedhöfe stolz oder traurig über Geschehenes, regen das Nachdenken über Vergangenes an und verbinden es mit Gegenwärtigem. Friedhofsbesuche helfen gegen das Vergessen und das Auseinandertriften der Generationen und örtlichen Gemeinschaften.

II.

Die städtischen Friedhöfe des kleinen brandenburgischen Städtchens sind  noch immer nach den seit 1974 eingemein-deten Ortschaften gegliedert. Fast alle Einrichtungen, die die historisch gewachsene Selbständigkeit der Orte ausmachten, sind verschwunden, aber ihre Friedhöfe sind erhalten geblieben.

Es scheint, als ob sich die Friedhofskultur gegen die schnell-lebigen Kommunalstrukturen zur Wehr setzt und die Identität der Ortschaften verteidigt. Die Tornower werden, so sie es wünschen, noch immer auf dem Tornower, die Neuendorfer auf dem Neuendorfer, die Egsdorfer auf dem Egsdorfer und die Teupitzer auf dem Teupitzer Friedhof beerdigt

Von Manteuffel, Neubauen der Landesirrenanstalt zu Teupitz 1908.      

Zurzeit gibt es in der Stadt auch keinerlei Pläne, daran etwas zu ändern. Die Bemühungen gelten nach der historisch verant-wortungsbewussten Restaurierung der Friedhofskapelle an der Buchholzer Straße in Teupitz ebenso den Kapellen in den anderen drei Stadtteilen und den Umzäunungen der Anlagen.

Im Jahre 1828 wurde der Kirchhof an der Heilig-Geist-Kirche für Beerdigungen geschlossen und hierher zum Geesenberg verlegt. 1908 erwarb die damalige ‚Landesirrenanstalt’ für die Errichtung einer Kapelle den alten Dorfkirchhof von der Kir-chengemeinde. Das unmittelbar am Anstaltsgelände angren-zende  Terrain war mit hohen Akazien und Fliedersträuchern besetzt. Auf diesem Flecken wurde die Leichenhalle errichtet, damals bestehend aus Einsegnungshalle, Sektionsraum und Leichenkammer.

Viele Jahre blieb das Bauwerk nahezu unbeachtet. Nach seiner durchgehenden Sanierung und sorgsamen Restaurierung im Jahre 2003 durch den Teupitzer Architekten Vilco Scholz fällt die Kapelle an der Buchholzer Straße allen Bürgern und Gästen wieder ins Auge. 2009 wurde sie unter Denkmalschutz gestellt. Der neu gestaltete Innenraum bietet einen würdigen Rahmen für die Trauerfeierlichkeiten zum Abschied von den Verstorbenen. Im unmittelbaren Umfeld findet man noch einzelne, stark verwitterte Stelen, deren kaum lesbare Namen an das Teupitz des 19. Jahrhunderts erinnern. Diese wenigen Grabsteine zu erhalten, ist eine dringend anstehende Aufgabe.

Auf dem nahen Teupitzer Friedhof stand bis vor einigen Jahren der  Grabstein des Sohnes von ‚Kettenschultze’ mit der Inschrift „Hier ruht in Gott der Schiffseigner Paul Schultze 15.11.1884 -1.5.1945“. Dass er nicht mehr vorhanden ist, lässt die Erinnerung an den einst  in der Stadt bedeutsamen Beruf des Schiffers verblassen.

Der pensionierte Lehrer Alfred Schultze setzte sich noch kurz vor seinem Tode dafür ein, dem Grabmal des Begründers der Logopädie in Deutschland, Albert Gutzmann, sen. (1837-1910), in Übereinstimmung mit den Nachfahren und der Logopädischen Gesellschaft besonderes Augenmerk zu schenken.  

Grabplatte Paul Schultze. Foto 1998 Grabmal Albert Gutzmann, sen.

Seit geraumer Zeit wird in der Stadt darüber diskutiert, ähnlich wie  in Berlin auf den Gräbern der zwei Ehrenbürger Dr. Albert Gutzmann, jun. und Hans Sußmann eine kleine  Steinplatte niederzulegen mit der Aufschrift „Ehrenbürger von Teupitz“ und dem Teupitzer Wappen.

Auf dem Egsdorfer Friedhof erinnert eine stattliche Grabstätte an den Begründer der landesweit bekannten Seegaststätte „Tornows Idyll“ Wilhelm Tornow (1849-1921). Hinter einem kleinen Strauch ver-steckt sich die Grabplatte von Franz Zacharias (1854-1931), Müllermeister des einstigen Egsdorfer Wahrzeichens „Die Kleine Mühle“.

In beiden Fällen steht – wie bei vielen anderen Grabstätten der vier städtischen Friedhöfe – die bewusste Entscheidung der Nachkom-men und Kommune aus, wie nach der Beendigung der 25-jährigen Liegezeit  mit ihnen weiter verfahren wird. Die Stadtverordneten bewegt gegenwärtig die Frage, welche Grabstätten im ortsgeschicht-lichen Interesse dauerhaft erhalten werden könnten.

Grabstätten von Wilhelm Tornow und Franz Zacharis auf dem Egsdorfer FriedhofGrabstätten von Wilhelm Tornow und Franz Zacharis auf dem Egsdorfer Friedhof

Die auf dem Neuendorfer Friedhof gepflegte Grabstätte zweier unbekannter KZ-Häftlinge hat Hans-Joachim Sommerfeld kürzlich  für die Öffentlichkeit wiederentdeckt. Während des erzwungenen Todesmarsches aus dem KZ-Außenlager Jamlitz in das KZ-Sachsenhausen waren sie im Februar 1945 bei Neuendorf erschossen worden. Damit die Erinnerung an ihr Schicksal nicht in Vergessenheit gerät, wird die kaum noch lesbare Grabinschrift erneuert.

Hier findet sich auch der Grabstein des Müllermeisters der „Mittelmühle“  Karl Schwietzke (1874-1945), der den Grund-stein für das heute beliebte Wirtshaus „Zur Mittelmühle“ legte. Geachtet wird von den Neuendorfern die Ruhestätte der Familie Emma (1883-1969) und Ernst Mosel (1880-1938), die dem Ort die Friedhofshalle gestiftet haben.

 

Gedenktafel an der Neuendorfer Kapelle

An der kleinen Kapelle inmitten des gepflegten Tornower Friedhofs hängt noch die Friedhofssatzung der Stadt Teupitz vom 1. Januar 1989.

Sie verdeutlicht, dass dringend neue Regelungen anstehen, die den Besonderheiten der Ortsteilfriedhöfe Rechnung tragen. Es ist die Absicht der Stadtverordneten, vereint mit dem Amt Schenkenländchen der Teupitzer Friedhofskultur neue Impulse zu geben, in den vier Ortsteilen ehrenamtliche Förderkreise, Patenschaften oder kleine Stiftungen zu initiieren, die ihr Augenmerk noch stärker der Hege und Pflege der vier Friedhöfe und kulturhistorisch bewahrenswerter Grabstätten zuwenden. Damit könnte die Arbeit von Gerhard Lucka in Teupitz, Friedhelm Schultze in Tornow, Daniel Weigand in Neuendorf und Thomas Spitzke in Egsdorf, die gegenwärtig die Pflege und Erhaltung der Friedhöfe in ihren Händen halten, auf breitere Schultern gestellt werden.

 

III.

Für Teupitz ist charakteristisch, dass die Bürger nicht nur ihren eigenen Toten die Ehre erweisen, sondern jenen Menschen, deren Tod durch besondere Lebensumstände mit dem Schicksal der Stadt verbunden war. Das entspricht dem Gedanken, dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist und auch nicht mit dem Tod endet.

Mit der bereits im  Krieg angelegten und 1995 von der Stadt neu gestalteten Kriegsgräberstätte an der Bucholzer Straße wird an etwa 700 Kriegstote des I. und  II. Weltkrieges erinnert. Bis 1945 wurden hier überwiegend Soldaten der deutschen Wehrmacht begraben, die ihren Verwundungen in dem Lazarett erlagen, das 1940/41 in der Teupitzer Heil- und Pflegeanstalt eingerichtet worden war. Nach Kriegsende kamen in der „Halber Kesselschlacht“ gefallene Soldaten hinzu, die hierher umgebettet wurden.

Die Verantwortung für die Gestaltung und Pflege der Stätte liegt bei der Stadt. Anlässlich des jährlichen Volkstrauertages versammeln sich Einwohner der Stadt und Mitglieder der Kirchengemeinde, um der Opfer des Krieges zu gedenken.

Das Nachdenken über Kriegsursachen und Kriegsfolgen wird an diesem Ort des Friedens, der inneren Einkehr und des Schutzes für die gefallenen und verstorbenen Soldaten  in ganz besonderer Weise gefördert.

Ein schlichter schwarzer Obelisk als kollektiver Gedenkstein für die 1884 Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen wurde am 10. Mai 2000 im Park der damaligen Landesklinik  unter Anteilnahme des Landes, des Kreises und der Stadt eingeweiht. Er erinnert die Teupitzer an eines der furchtbarsten Verbrechen Nazideutschlands, das seinen langen Schatten auf die dem Humanismus verpflichtete Klinik und die idyllische Kleinstadt  geworfen hatte. Die Anstalt Teupitz war 1940/41 zur Zwischenstation für die Euthanasie-Tötungs-anstalten, vorrangig jener in Bernburg geworden. Von den ungefähr 9000 Menschen, die dort ermordet wurden, kamen viele aus Teupitz.

Nur wenig ist über die Opfer bekannt, für deren Abtransporte aus der Klinik der zynische Begriff ‚Fahrt ins Blaue’ verwendet wurde. 

Hier in Teupitz wird dieser Opfer gedacht, denen das Recht auf das Leben und ein individuelles Grabmal auf dem klinik-eigenen Friedhof verwehrt wurde. Die Errichtung der beein-druckenden Gedenkstätte ist ein Verdienst der Kranken-hausleitung; ihre Finanzierung basierte auf Spenden des Pflegepersonals, befreundeter Firmen und der Klinik.

Nimmt man den Obelisk und die Kriegsgräberstätte in ihrer Einheit wahr, wird die am 8. Mai 1945 geborene, aber noch immer aktuelle Verpflichtung wach: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus.

Kriegsgräberstätte an der Buchholzer Straße in TeupitzObelisk für die  Euthanasieopfer im Park der Landesklinik. Foto K.-H. Hofmeister 2000

Der in einem Waldstück unmittelbar am Stadtrand angelegte Friedhof für verstorbene Mitarbeiter und Patienten der Heil- und Pflegeanstalt wurde stillgelegt und wird von dem 2006 privatisierten „Asklepios Fachklinikum Teupitz“ nicht mehr genutzt. Er steht unter der Aufsicht des Brandenburgischen Landesamtes für Soziales und Versorgung in Cottbus.

 

IV.

Schließlich werden auch in der Friedhofskultur der Hauptstadt des Schenkenländchens jene Veränderungen deutlich, die mit gesamtgesellschaftlichen Umbrüchen verbunden sind.

Die der kapitalistischen Wirtschaft entspringende Tendenz, alle Werte der Macht des Geldes zu unterwerfen, hat auch das Bestattungswesen zu einem mehr oder weniger einträglichen Geschäft werden lassen. Immer mehr Teupitzer Familien sind gezwungen, sehr genau zu überlegen, welche Kosten die Beerdigung eines Angehörigen ihnen bereitet und welche sie sich leisten können. Auch Sozialbestattungen sind hier nicht mehr gänzlich ausgeschlossen. Die Bestattungsfirma Schadly aus Groß Köris hat bei vielen Bürgern des Schenkenländchens einen guten Ruf erworben, weil sie den Interessen der Hinterbliebenen verständnisvoll Rechnung trägt.

Mit Bewegung erfüllen mich noch heute die Erinnerungen an die feierlichen Beerdigungen von Hans und Charlotte Sußmann, Elisabeth und Joachim Kaubisch, Kurt Freygang, Alfred Schultze oder Heinz Boche, die alle in ihrer Weise ein Stück Geschichte der Stadt mitgeschrieben haben und auf ihren Heimatfriedhöfen die letzte Ruhe fanden.

Zunehmend wird die Form der anonymen Bestattung gewünscht oder durch die finanzielle Situation der Familien und Wohn- und Arbeitswechsel der Nachfahren erzwungen. Neben der Kapelle an der Buchholzer Straße weist seit zwei Jahren ein Stein mit der Inschrift „Zum stillen Gedenken“ auf ein solches Grabfeld hin. Insgesamt ist auf den Teupitzer Friedhöfen diese Tendenz noch weniger spürbar, was möglicherweise dem engeren Zusammenhalt der dörflichen gegenüber der großstädtischen Gemeinschaft zu danken ist.  

Urnenfeld für anonyme Bestattungen auf dem Teupitzer FriedhofUm bei dieser Form den jeweiligen Toten nicht gänzlich dem Vergessen preis zu geben, sind in jüngster Zeit an den Urnen-feldern mancher Städte Gedenktafeln mit den Namen der Toten üblich geworden. Das wird dem Anrecht jedes einzelnen Menschen auf Gedenken und Erinnerung besser gerecht und dem Bedürfnis der Angehörigen, Freunde und Gemeindemit-glieder einen konkreten Ort für ihre Trauer zu haben.

Durchgesetzt haben sich in Teupitz neben den kirchlichen die weltlichen Begräbnisse, die inzwischen sogar überwiegen. Hierin widerspiegelt sich die fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft. Zweifellos sind der katholischen und evangelischen Kirche zahllose Traditionen und Anregungen für eine würdevolle Beerdigung zu danken. Es entspricht dem Wesen des Christentums, den Bestattungen besondere Bedeu-tung beizumessen. In Teupitz stand 1989-2005 Pfarrer Chris-tian Hennersdorf und steht seit 2005 Pfarrerin Brigitte Müller-Krebs den Familien der evangelischen Kirchengemeinde in diesen schweren Stunden hilfreich zur Seite.

Aufmerksame Bürger konstatieren, dass die ehrenamtlich bzw. freiberuflich tätigen weltlichen Redner die Bestattungszere-monien eindrucksvoll gestalten. Hohe Wertschätzung erwarb im Schenkenländchen Rolf Günter Schramm.

Das Verfassungsrecht der Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit gibt jedem Bürger die Möglichkeit, die Art und Weise seiner Bestattung im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften frei zu wählen. Die bei kirchlichen und weltlichen Begräbnissen spürbare wechselseitige Hochachtung und Toleranz von Bürgern unterschiedlicher Weltanschauungen ist eine Voraussetzung für die harmonische Entwicklung der kommunalen Gemeinschaft, in Teupitz wie überall.